Schuld(en)berge

Schuldempfinden

Mit Schuldgefühlen kann man sich arg rumplagen. Da stellt sich die Frage, muss das sein? Für mich gehört Schuld zu den Begriffen, die wir nicht mehr wirklich brauchen; es schadet mehr, als dass es nützt. Aber schauen wir genauer hin:

Was ist das eigentlich, Schuld?

In einem Vortrag unterschied Brené Brown die Begriffe Schuld und Scham: Schuld bedeutet: Ich habe etwas falsch gemacht. Scham bedeutet: Ich bin falsch.

klein, müde, wertlos
Müde und wertlos

Schuldgefühle nehmen einem die Energie, man fühlt sich müde und kraftlos, man sieht sich als klein und wertlos an. Schuldgefühle können seelisch abgewehrt und ins Unbewusste gedrängt werden. Wenn Schuldgefühle immer wieder empfunden werden, mehr und mehr verinnerlicht sind, kann es zu Scham werden, also dem Gefühl: Ich bin falsch.

Umgekehrt kann man anderen Menschen Schuldgefühle machen; es ist ein kraftvolles und unangenehmes Druckmittel.

 

Es lohnt sich irgendwie

Aber es muss auch ‚positive‘ Seiten geben. Der Begriff Schuld existiert schon so lange, also muss es irgendwie nützlich sein. Welche Vorteile hat das Schuldkonzept? Mir fielen drei Beispiele ein:

  1. Wenn bei einem Problem ein Schuldiger gefunden wird, dann kann man auf ihn zeigen, derjenige wird bestraft und man selber ist entlastet.
  2. Sieht man bei sich selber die Schuld, dann bestraft man sich, kritisiert sich, fühlt sich wertlos. Das kennt man so aus der Kindheit, das ist vertraut, das muss so bleiben. (Das ist nicht logisch, aber psychologisch.)
  3. Entscheidet man sich zum Nichtstun und hält sich möglichst aus allem raus, kann man keinen Fehler machen. Man bleibt „unschuldig“.
Schuldabwehr
Ich war das nicht!

Aber das sind fragwürdige Vorteile von Schuld. Und wo Licht ist, ist auch Schatten. Was sind also die Kosten bei dem Ganzen?

 

 

 

Da hört der Spaß auf

Für das, was vermeintlich vorteilhaft ist, zahlt man einen gewissen Preis. Gehen wir die drei Beispiele noch einmal durch und schauen diesmal auf die Schattenseiten.

  1. Der Schuldige ist gefunden, aber das zugrunde liegende Problem (wie konnte der Fehler überhaupt passieren?) nicht gelöst. Wenn eine Person eindeutig einen Fehler gemacht hat – woran lag es? Handelt es sich vielleicht um eine unklare, mehrdeutige Situation? Unaufmerksam, weil derjenige eigentlich krank ist und trotzdem zur Arbeit gekommen ist? Hat ihn etwas abgelenkt? War derjenige abgelenkt, weil der Job so langweilig ist? Das gilt es herauszufinden, damit ein Fehler nicht noch einmal passiert.
  2. Man kann auch die Schuld bei sich selber suchen, sich selber fertig machen, bestrafen. Ich vermute, wenn es in der Kindheit viel um Schuld, Bestrafung oder Wertlosigkeit ging, dann setzt man das selber als Erwachsener fort, bestraft sich selber. Und mit der Schuld geht auch die gute Laune, die Energie, das Gefühl für den eigenen Wert flöten. Es ist hilfreich, dieses Muster zu durchbrechen.
  3. .Um sich nicht wieder schuldig zu fühlen, vermeidet man Fehler. Man tut ganz wenig, getreu dem Motto: Wer nichts macht, macht keine Fehler. Wenn aber keiner etwas wagt, dann geht nichts voran, es gibt keinerlei Erneuerung oder Veränderung. Das bedauerliche ist außerdem, dass man aus Fehlern so viel lernen kann; dieses Lernen wird einem genommen. Lasst uns also Fehler machen!
wertlos wegen eines Fehlers?
Fehler passieren

Rettung naht: Ein positiver Blickwinkel

Was wäre, wenn wir nach Möglichkeiten suchen würden? Wir halten Ausschau nach Lösungen für Probleme, nach Auswegen, statt Schuld zu verteilen oder Schuld auf sich zu nehmen.

Als Beispiel dafür möchte ich zwei Situationen beschreiben und sie jeweils mit und ohne Schuldgefühle schildern:

Im Krankheitsfall: Ich habe mich gesund ernährt und Sport gemacht, also ist es gemein und ungerecht, dass ich krank werde. Es nützt jetzt gar nichts, noch zusätzlich etwas für die Gesundheit zu tun. Das Leben ist eh unfair und mich erwischt es immer wieder. Außerdem habe ich die Anlagen dazu geerbt. Mit anderen Worten: Ich bin nicht schuld daran, dass ich krank bin!

Jetzt schreiben wir die Geschichte um: Ich habe mich gesund ernährt und Sport gemacht, aber trotzdem bin ich krank geworden. Das kann passieren, es gibt so viele Faktoren, die eine Rolle spielen, wenn man krank wird. Mhm, was könnte ich tun, um den Verlauf der Krankheit zu mildern? Welche Möglichkeiten habe ich, welche Chancen gibt es noch? Ich werde Erkundigungen einholen…

Möglichkeiten suchen

Die Bewerbung: Ich will mich bewerben und bekomme die Empfehlung, eine möglichst gute Ausstrahlung zu haben, mich toll zu fühlen, große Erwartungen an mich selber zu haben, alles positiv zu sehen. Daraus ergibt sich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung und ich werde eingestellt. Tja und wenn ich den Job dann trotzdem nicht bekomme? Dann habe ich versagt! Also versuche ich es erst gar nicht.

Gleiche Geschichte, neu verfasst: Ich will mich bewerben und bekomme die Empfehlung, eine möglichst gute Ausstrahlung zu haben. Keine Ahnung, ob ich zum Unternehmen passe, aber ich versuche, die Situation zu meinen Gunsten laufen zu lassen. Ich konzentriere mich auf alles Positive und denke an meine Stärken. Wenn es dann trotzdem nicht klappt, dann vielleicht beim nächsten Mal. Oder ich bitte jemanden um Feedback, wie ich wirke und lerne daraus.

Das Alte abschütteln

Um also stärker in Möglichkeiten zu denken, ist es zunächst wichtig, die eigene Wahrnehmung zu schärfen: Wann fühle ich mich schuldig? Wie gehe ich damit um? Vielleicht fallen Ihnen ähnliche Momente aus Ihrer Kindheit ein.

Der zweite Schritt ist, sich selber Mitgefühl zu schenken: Das kann passieren, dass man in die „Schuldfalle“ läuft. Das passiert anderen auch, immer wieder. Es ist menschlich. Es ist okay. – Ich bin okay.

Als drittes sucht man Möglichkeiten oder den Gewinn. Was durfte ich lernen? Was könnte ich jetzt tun? Wen frage ich oder wo hole ich mir Hilfe?

Es erfordert einige Übung, konsequent in Möglichkeiten zu denken und nicht in Schuld, Wut oder Ärger zu bleiben und sich müde und wertlos zu fühlen. Es ist nicht ganz einfach, aber eine große Erleichterung, wenn man es schafft. Dafür zu kämpfen, lohnt sich!

Wenn Du stolperst, lass es Teil Deines Tanzes sein.

Beate Klutmann

 

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