Den inneren Schweinehund überwinden

Der innere Schweinehund ist ein allseits bekanntes Tier, das all das symbolisiert, was wir an guten Vorsätzen nicht umsetzen. Der innere Schweinehund ist unsere Entschuldigung für das, was wir nicht in Angriff nehmen oder verwirklichen.

Es ist also mehr als nur mal keine Lust haben. Irgendetwas soll im Leben anders werden: Sie möchten gesünder leben, mehr Ruhe in Ihre Arbeitsweise bringen, öfter Zeit für den Partner/die Kinder haben, etc. Die Liste der guten Vorsätze ist lang. Aber wie geht man das an ohne hinterher frustriert zu sein, weil man nur ein paar Tage durchgehalten hat?

Drei Schritte sind dafür notwendig, und der erste ist vielleicht sogar der schwierigste: Es geht darum, die eigene Bereitschaft zu wecken. Bin ich wirklich bereit, etwas in meinem Leben zu verändern?

Was ist mein Ziel?

Der erste Schritt

Wie genau lautet mein Ziel und was sind die dahinter liegenden Werte oder positiven Intentionen? Nehmen wir als Beispiel: „Ich will gesünder leben.“ Welche Absicht steckt dahinter? Ich möchte lange leben, ich will nicht so schnell außer Puste geraten, ich möchte attraktiver sein oder was immer der Beweggrund ist. Welcher Wert gehört dazu (Gesundheit, Familie, Schönheit…)? Ein anderes Beispiel: „Ich will weniger aufbrausend meinen Mitarbeitern gegenüber sein.“ Dieses Ziel enthält eine Negation, unser Gehirn tut sich mit Nicht-Botschaften schwer. Wie könnte eine positive Formulierung lauten? „Ich möchte eine entspannte Beziehung zu meinen Mitarbeitern haben.“ Der Wert wäre ‚Entspannung‘ in diesem Fall oder ‚Beziehungen‘ oder ‚innere Ruhe‘. Es kann Sie unterstützen, die Werte zu finden, die Sie im Leben anstreben oder umsetzen wollen (Freiheit, Liebe, Zufriedenheit, Bildung…), um Ihre Bereitschaft zur Veränderung zu wecken oder zu stärken.

Denn eigentlich lieben wir unsere Schwachstellen, unseren inneren Schweinehund. Er erlaubt uns nämlich, massenhaft Schokolade zu essen, den Sport ausfallen zu lassen, grantig zu den Mitarbeitern oder Kollegen zu sein, rumzutrödeln oder spontan etwas anderes zu tun als unsere Aufgabe. Dabei geben wir aber die Macht über unser Leben an äußere Kräfte ab: Unser Partner hat Schuld, der Chef hat dazwischen gefunkt, plötzlich verließ uns die Lust, die Umstände passten nicht, der innere Schweinehund kam uns in die Quere. In diesem Bereich unseres Lebens haben wir dann noch nicht die Verantwortung übernommen. Bin ich also bereit, die Ausreden beiseite zu lassen? Dann übernehme ich Verantwortung für das Gelingen meines Vorhabens oder das Scheitern (um dann wieder von vorne anzufangen).

Verantwortung übernehmen, auch für den inneren Schweinehund

Dieses ominöse Tier – den inneren Schweinehund – zu verjagen, bedeutet einerseits, sich zu fragen: Was bin ich bereit in Kauf zu nehmen, um eine Veränderung zu bewirken? Werde ich etwas aufgeben oder auf mich nehmen? Eine Veränderung bedeutet, dass die Welt hinterher etwas anders aussieht als vorher. Man geht ein gewisses Risiko ein. Vielleicht ist es mein Traum, schlank und fit zu sein. Aber was wird passieren, wenn ich zukünftig im Restaurant mit Freunden nur noch an einem Salat knabbere, statt wie üblich die besonders große Pizza zu bestellen? Ich will mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen; aber ich könnte einen Karriere-Knick riskieren! Vielleicht ist die Zeit für eine Veränderung noch nicht gekommen?

An dieser Stelle kommt ins Spiel, was ich andererseits benötige: Selbst-Fürsorge und Selbst-Mitgefühl. Die meisten von uns haben einen starken inneren Kritiker oder Antreiber, der uns sagt: „Siehst Du, es geht eben nicht. Du kannst das nicht!“ – oder ähnliches. Dann kommen noch Scham oder Schuldgefühle dazu, weil man es wieder nicht geschafft hat. Möglicherweise bemerkt man, dass das Ziel zu hoch gesteckt ist. Etwas anderes muss vorher noch erledigt werden. (Bevor ich mehr für die Gesundheit tun kann, muss ich lernen weniger zu arbeiten und Aufgaben abgeben.) Oder wir geben unser Vorhaben ganz auf – ohne dass der innere Kritiker uns dafür zur Schnecke macht.

Der erste Schritt

Der erste Schritt ist geschafft, wenn wir uns ein positives Ziel gesetzt und mit einem Wert verbunden haben. Wir haben eine Verabredung mit uns selber für diesen Weg der Veränderung getroffen. Wir übernehmen die Verantwortung für diesen Schritt und geben uns selber Unterstützung dabei. Oder wir haben das Projekt „Veränderung“ auf Eis gelegt oder entschieden, es sein zu lassen und schließen Frieden damit – ohne schlechtes Gewissen.

Der zweite Schritt

Wenden wir uns dem zweiten Schritt zu, die Umsetzung. Dafür braucht es einen Plan oder eine Liste mit all den Aktivitäten, die notwendig sind und zwar in der richtigen Reihenfolge. Möglicherweise brauchen Sie hier einen Freund, der gut strukturieren und Aktivitäten in die Tat umsetzen kann. (Das ist nicht für jeden Menschen ein ‚Heimspiel‘.) Es kann außerdem hilfreich sein, wenn Sie Ihr Vorhaben, etwas in Ihrem Leben zu verändern, öffentlich machen. Damit verpflichten Sie sich einerseits, und andererseits können Sie um Unterstützung bitten, wenn es mal nicht weitergeht. Die Menschen, die hilfreich sein können, binden Sie in Ihr Vorhaben ein – ohne die Verantwortung abzugeben.

Welche Lebensumstände sind hilfreich für Ihr Vorhaben? Hilft Ihnen ein frischer Blumenstrauß am Anfang der Woche als Ansporn und Erinnerung? Was gibt Ihnen Wohlbefinden, Sicherheit und bringt Entspannung? Klassische Musik im Lieblingssessel hören oder der wöchentliche Besuch in der Sauna? Was immer es ist: Tanken Sie dort auf und holen Sie Kraft und Ausdauer im Veränderungsprozess. Vielleicht hilft Ihnen ein motivierendes Buch zum Thema, das Sie begleitet oder eine Belohnung von Zeit zu Zeit. Umgekehrt muss das aus Ihrem Leben (vorübergehend) entfernt werden, was Sie dazu verleiten könnte, in altes Verhalten zurück zu fallen. Gerade im Stress gehen wir auf ‚Autopilot‘ und machen das, was uns kurzfristig gut tut. Das aber heißt, wir treffen keine bewusste Entscheidung.

Die Umsetzung der Veränderungsschritte

Und vergessen Sie in der Umsetzungsphase nicht sich selber gegenüber Verständnis und Geduld aufzubringen. Pflegen Sie eine liebevolle Art der Disziplin. Wenn es mal nicht geklappt hat, dann machen Sie trotzdem weiter oder fangen noch einmal an. Verständnis und Mitgefühl bringt man eher einem Freund gegenüber auf als es sich selber zu geben.

Statt Selbst-Kritik benötigen wir Selbst-Mitgefühl, einen liebevollen, verständnisvollen Umgang mit uns selber. Dazu gehört, dass wir anerkennen, in einer schwierigen Situation zu stecken. („Es ist sehr schwierig, die Veränderung (z.B. mehr Zeit für die Kinder) umzusetzen und ich brauche viel Geduld dafür.“)

Wir brauchen Unterstützung

Als nächstes erinnern wir uns daran, dass es für alle Menschen auf und ab geht im Leben, dass es andere ebenfalls schwer haben, nicht wir alleine. Wir sind verbunden mit den anderen Menschen in unserem Menschsein und das kann trösten. Und als dritten Schritt sprechen wir so zu uns wie zu einer guten Freundin oder einem Freund: verständnisvoll, unterstützend, wertschätzend. („Probiere erstmal einen winzigen Schritt. Du schaffst das schon.“)

Der dritte Schritt

Nehmen wir an, Sie haben genügend Bereitschaft gehabt, Ihre Veränderung anzugehen. Dann hatten Sie genügend Geduld, Ausdauer und Umsetzungsideen und sind (mehr oder weniger) zufrieden mit Ihrem Ergebnis. Kommen wir also zu Schritt 3, der Überprüfung.

Zum Schluss die Überprüfung

Sie können Ihr Vorhaben mit Ihren Unterstützern besprechen, die Ergebnisse vortragen und sich den konstruktiv-kritischen Fragen der anderen stellen. Sie können so etwas für sich alleine tun bzw. sich selber Rechenschaft ablegen, an welcher Stelle Sie noch nicht ausreichend zufrieden mit dem Ergebnis sind. Sie benötigen auch weiterhin Unterstützung, um das neue Verhalten beizubehalten, zu korrigieren oder zu festigen!

Sollten Sie mit dem Ergebnis überhaupt nicht zufrieden sein, weil das Ziel gar nicht erreicht wurde, dann ist eine Analyse notwendig. War das Ziel zu hoch gesteckt? Bekamen Sie zu wenig Unterstützung? Sind Sie langsamer als gedacht und gehofft? Na und!? Fangen Sie von vorne an oder machen Sie dort weiter, wo es gehakt hat. Manche Veränderungen brauchen Jahre, um eine Gewohnheit zu werden, die zu uns gehört.

Und wenn das alles geschafft ist: Feiern Sie sich, Sie haben es verdient!

Und noch ein Trost: Das Thema Veränderung ist wirklich schwierig (wenn auch nicht unmöglich). Man kann gar nicht so viel aufschreiben, wie nötig wäre, um das Thema zu erfassen!

 

Für diesen Artikel haben mich unter anderem folgende Werke inspiriert:

Kristin Neff: Self Compassion, Hodder & Stoughton, London 2011

Kelly McGonigal: The Neuroscience of Change, A Compassion-Based Program for Personal Transformation, Sounds True, Audio CD, 2012

Caroline Myss: Anatomy of the Spirit, Bantam Books London, 1997

Beate Klutmann: Persönlichkeitsentwicklung, Der individuelle Weg des Wandels, Hochschule für Wirtschaft und Recht, unveröffentlichter Bericht, 2014

 

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