Gedanken zur Integralen Theorie

Seit mehreren Jahren erhalte ich viel Inspiration von der Integralen Theorie (Ken Wilber); meine Coaching-Ausbildung basiert auf diesem Ansatz. Und meine Spezialisierung auf die Entwicklung erwachsener Menschen kann ebenso in der Integralen Theorie gesehen werden.

Warum ist mir der Ansatz wichtig? Im Vordergrund steht für mich der Gedanke des Integrierens. Es gibt viele verschiedene Gelehrte, Wissenschaftler und Forschungsansätze mit unterschiedlichen Aussagen zu ähnlichen Themen. Wenn wir davon ausgehen, dass all diese klugen Menschen mit ihren Ideen nicht falsch liegen, dann fragt sich, wie man alles unter einen Hut bekommt. Die Integrale Theorie bietet einen Rahmen, um die verschiedenen Ansätze unter zu bringen. Dabei werden östliche und westliche Sichtweisen auf die Welt sowie spirituelle Erkenntnisse und wissenschaftliches Denken vereint. Die Theorie versucht, eine umfassende Sicht des Menschen und der Welt darzulegen, ein Modell für die Sicht auf die Realität zu schaffen. Es ist ein Ordnungssystem für Erkenntnisse der Philosophie, Entwicklungspsychologie, Naturwissenschaften, Spirituelle Traditionen und mehr.

Einleitung zur Integralen Theorie

Die Integrale Theorie ist ein inhaltsloser Rahmen, der für die unterschiedlichsten Zusammenhänge geeignet ist: für Architektur oder Politik, für Psychologie, Kunst etc.. Im Mittelpunkt der Theorie steht eine „konzeptionelle Landkarte“, AQAL genannt als Abkürzung für ’alle Quadranten, alle Ebenen (levels), alle Linien, Zustände und Typen‘. Damit sind die fünf Grundelemente gemeint, die dazugehören. Von den Grundelementen sind die vier letztgenannten (Linien, Ebenen, Zustände und Typen) sich wiederholende Muster, die in jedem Quadranten vorkommen. Ich möchte im Folgenden die Grundelemente in Bezug zum Menschen näher erläutern.

Quadranten

Die Quadranten entstehen durch zwei Dimensionen: einmal die Innen-Außen Dimension, zum anderen die Einzahl-Mehrzahl Dimension. Innen-Außen entspricht auch einer subjektiv-objektiv-Perspektive und Einzahl-Mehrzahl kann auch individuell-kollektiv bedeuten. Die vier dadurch entstehenden Quadranten erscheinen im Modell als Kombinationen aus individuell – subjektiv und individuell – objektiv, sowie kollektiv-subjektiv und kollektiv-objektiv (siehe Abbildung).

  Innen / subjektiv Außen / objektiv
Einzahl / Individuell Subjektiv –individuell

„ICH“

z.B. Absichten, Motive Gefühle, Gedanken

Objektiv-individuell

„ES“

z.B. Verhalten, Körper, Aktivitäten, Gehirn

Mehrzahl / kollektiv Subjektiv-kollektiv

„WIR“

z.B. Gemeinschaft, Sprache, Kultur, geteilte Meinungen

Objektiv-kollektiv

„SIE“

z.B. Architektur, Natur, Systeme, Strukturen, Politik

Abb.1: Die vier Quadranten in Bezug auf den Menschen

Es ergeben sich also subjektive und objektive Faktoren eines Individuums (die beiden oberen Quadranten) sowie die subjektiven und objektiven Aspekte einer Gruppe von Menschen (die beiden unteren Quadranten).

Die zwei Dimensionen (subjektiv-objektiv und individuell-kollektiv) sind auch sprachlich repräsentiert durch die Pronomen ich‚ wir‚ es und sie (es Plural). Alle Sprachen der Welt haben diese Pronomen und zeigen damit an, aus welcher Perspektive etwas betrachtet wird. Salopp formuliert bedeuten die 4 Quadranten mein Selbst, mein Körper, meine Leute, meine Welt. Man könnte nun nur die objektive Seite einer Sache betonen, was in der westlichen Welt in der Forschung geschieht. Dabei werden subjektive Aspekte außen vorgelassen, obwohl sie ebenfalls dabei sind. Betrachtet man dagegen von einem Thema lediglich alle subjektiven Aspekte, dann verliert man die Fakten dazu aus dem Blick. Die vier Quadranten helfen, keine Perspektive auszulassen.

Abb.2: Die Grundelemente des AQAL Modells,
aus: http://www.integrale-gfk.de

Ebenen

Innerhalb jedes Quadranten existieren Entwicklungsmöglichkeiten, die mit Ebenen in ihrer Abfolge dargestellt werden können. Das bedeutet, in jedem Quadranten gibt es eine Weiterentwicklung, vom einfachen zum komplexen. Auf das menschliche Innenleben (Quadrant oben links) bezogen entstehen Ebenen des Bewusstseins. Bei jedem Wachstumsschritt wird eine Ebene durchlaufen und integriert. Das bedeutet, dass es eine festgelegte Reihenfolge von Stufen gibt und keine Stufe übersprungen werden kann. Im Laufe der Jahre verändert sich also die Identität eines Menschen, das Weltbild, die Logik, nach der man handelt, das Bewusstsein und vieles mehr.

Linien

Entwicklung findet in unterschiedlichen Bereichen statt, z.B. entwickeln sich bei Menschen verschiedene Fähigkeiten wie kognitive, emotionale oder moralische. Man spricht auch von multiplen Intelligenzen, ein Begriff, der ursprünglich von Gardner stammt. Die Linien gibt es also für voneinander (mehr oder weniger) unabhängige Kompetenzen oder Fähigkeiten. Diese Kompetenzen können sich entfalten, also sich weiterentwickeln durch die Ebenen (s.o.) vom Einfachen zum Komplexen.

Zustände

Zustände sind vorübergehende Erscheinungen unterschiedlichster Dauer. Ein Zustand ist mit einem anderen nicht vereinbar, d.h. man kann nicht betrunken und nüchtern gleichzeitig sein. Beim Menschen umfassen Zustände Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen. „Sie kommen und gehen. … Zustände können prächtig, schrecklich, langweilig, abgestumpft oder irgendetwas dazwischen sein“ (Dupuy 2013, S.83). Wir sind wach oder träumen, wir erleben Angst oder Freude, wir können energiegeladen, angespannt oder erschöpft sein, usw.

Typen

Typen sind stabile Muster einer Erscheinung, beim Menschen z.B. die Typen männlich und weiblich. Sie existieren unabhängig von Entwicklungsebenen. Es gibt Tests, die Menschen in verschiedene Kategorien einteilen oder auch Unterscheidungen wie z.B. Sternzeichen. Der Mensch wird damit bei weitem nicht vollständig erfasst, aber Typisierungen helfen uns beispielsweise zu sehen, dass es viele Strategien und Arten gibt, das Leben zu bewältigen.

Zusammengefasst kann man sagen….

…die Integrale Theorie wurde als Metatheorie entwickelt. Alle Begriffe und Sichtweisen sind auf die verschiedensten Gebiete anwendbar. Somit ist das AQAL-Modell wie eine Landkarte, durch die man andere Perspektiven einnehmen kann, um die Realität ganz zu erfassen. Der integrale Ansatz bringt also keine neue Theorie im eigentlichen Sinne, sondern er stellt als ‚Meta-Modell‘ einen Bezugs-Rahmen her. In meinen Ausführungen hier geht es um die Persönlichkeit des Menschen und um die Persönlichkeitsentwicklung.

Und in der Praxis könnte das heißen…

…ich bin als Mensch in unterschiedlichen Zuständen, momentan gerade konzentriert, später vielleicht energiegeladen, verträumt, schlafend, traurig oder etwas anderes.

Man kann mich (und alle anderen Menschen) auch in verschiedene Typen einteilen: Ich bin eine Frau, Sternzeichen Wassermann und viele Tests oder Kategorisierungen geben mir weitere Auskunft über meinen Typ. Mal sind diese Einteilungen streng wissenschaftlich erarbeitet, ein anderes Mal mag der wissenschaftliche Nachweis schwieriger sein.

Mit meiner Art wirke und agiere ich auf jeder Entwicklungsebene anders, weil ich auf jeder Stufe einer anderen Handlungslogik folge, mit anderem Bewusstsein agiere. Das heißt, meine Identität hat sich im Laufe der Jahre verändert und ich bin jetzt vielleicht auf einer für mich guten und richtigen Ebene angekommen.

Ich habe außerdem unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten, die man sich als Linien in einem Modell vorstellen kann. Ich bin (hoffentlich) kognitiv hoch entwickelt, aber in Bezug auf andere Fähigkeiten vielleicht weniger weit. Manches gelingt mir also gut, anderes weniger. Wie oft hat man schon den Satz gehört: „Er ist so ein intelligenter Mann, warum macht er denn diesen Unsinn?“. Da wären noch andere Fähigkeiten nötig gewesen, die Intelligenz reicht nicht immer aus.

In Bezug auf die Quadranten habe ich – und alle anderen auch – subjektive Seiten, also Gefühle, Meinungen, Motive, und darüber können nur wir Auskunft geben. Wir teilen einige Einstellungen oder Erfahrungen mit anderen Menschen, haben die gleiche Kultur, sprechen dieselbe Sprache. Gemeinsam mit anderen habe ich also auch etwas Subjektives. Oder ich betrachte mich alleine objektiv (mein Körper, mein Verhalten) bzw. ich sehe, was uns alle objektiv betrifft: Die Natur, Architektur, die Umgebung und anderes, was uns umgibt oder Systeme, Politik und Strukturen, die uns alle betreffen.

So kann jeder Mensch aus unterschiedlichster Perspektive betrachtet werden. Und damit haben wir die Integrale Theorie am Beispiel des Menschen näher kennen gelernt.

 

Literatur

Dupuy, J.: Integral Recovery – A Revolutionary Approach to the Treatment of Alcoholism and Addiction, State University of New York Press, 2013

Esbjörn-Hargens, Sean: Integral Theory in Action – Applied, Theoretical, and Constructive Perspectives on the AQUAL Model, State University of New York Press, 2010

Gardner, H.: Intelligenzen, die Vielfalt des menschlichen Geistes, Klett-Cotta, Stuttgart, 2008

Wilber, K., Patten, T., Leonard, A., Morelli, Marco: Integral Life Practice, Shambala, Boston, 2008

 

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