Bewusstsein

Ich befinde mich in einem Hotel und denke über diesen alltäglichen und doch schwer zu fassenden Begriff nach; so vieles ist einem bewusst oder unbewusst.

  • In diesem Hotel gibt es z.B. viel ökologisches Bewusstsein.
  • Schon vor vielen Jahren hatte ich von diesem Ort gehört, aber nie eine Reise gebucht. Und dann buchte ich plötzlich einen 10-Tage-Aufenthalt; unbewusst war mir klar, dass das jetzt genau das richtige für mich ist.
  • Im Hotel werden regelmäßig Meditationen angeboten. Mir scheint, mehr und mehr Menschen versuchen, ein größeres oder anderes Bewusstsein durch Meditation zu erlangen.

Dieses größere Bewusstsein finde ich bedeutsam, weil es für mich ein Weg zu einem friedlichen Miteinander ist.

Was versteht man also unter „Bewusstsein“? Aus neurowissenschaftlicher Perspektive sind es die Effekte, die aus Interaktionen im Neuralen System entstehen und noch präziser definiert werden müssen. Aus Sicht der Kognitionswissenschaften ist Bewusstsein etwas, über das berichtet werden kann und Gehirnfunktionen können vor, während und nach dem Bericht überwacht werden.

Bewusstsein muss vom Erkennen oder der puren Aufmerksamkeit unterschieden werden. Erkennen bedeutet, in der Gegenwart sein, klar sein. Bewusstsein hat darüber hinaus einen Fokus und ist in keiner Weise ein passiver Zustand. Der Begriff ist ähnlich dem Wort ‚Erfahrung‘. Es bedeutet also auch gewillt zu sein, alles vorangegangene und folgende mit in Betracht zu ziehen. Bewusstsein könnte mit gerichteter Aufmerksamkeit bezeichnet werden, es hat eine Willenskomponente und ist mit Wissen verbunden.

Was bedeutet unbewusst? Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Wort ‚unbewusst‘ durchaus üblich, aber hier unterscheiden manche Psychotherapeuten noch genauer. Das hilft, ein tieferes Verständnis vom Unbewussten zu erlangen. Zum einen kann man vom unterdrückten Teil sprechen (Wissen, das verschüttet ist). Damit sind die Inhalte gemeint, die man als Kind erlebt hat und die eine Weile bewusst waren, später aber dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sind.

Das eingebettete Unbewusste bezieht sich auf all das, was wir nicht wahrnehmen oder erkennen können, weil es unsere Komplexitätsverarbeitung noch nicht möglich macht. Wir stehen mitten in einem Prozess, einem Erleben oder einem Ereignis und können nicht erkennen, worum es geht, da wir darin eingebettet sind. Wir können uns selber nur so weit sehen, wie es unsere Persönlichkeitsentwicklung zulässt. Es gibt also Teile von uns und in uns, die wir (noch) nicht erkennen können – nicht weil wir sie verdrängt hätten, sondern weil sie noch nicht zugänglich sind. Salopp formuliert: Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Schließlich kann noch das auftauchende Unbewusste genannt werden, der Teil von uns, der sich auf unsere spirituellen Möglichkeiten oder Kapazitäten bezieht, also all das, was noch nicht gelebt wird, aber als Potential vorhanden ist.

Bewusstsein ist ein Teil unserer Persönlichkeit, gleichzeitig ist aber bereits eingezeichnet, dass eine Entwicklung in verschiedenen Bereichen stattfinden kann. Wir können in unterschiedlichen Bereichen und unterschiedlich stark bewusst sein. Um einige Beispiele zu nennen:

  • Wir können ein Bewusstsein für unseren Körper haben, seine Signale wahrnehmen, und wir haben mehr oder weniger motorische Fähigkeiten.
  • Menschen haben kognitive Fähigkeiten und sind – mehr oder weniger – in der Lage sich selber zu sehen, zu erkennen.
  • Wir sind mehr oder weniger bewusst gegenüber unseren Emotionen oder denen anderer Menschen.
  • Es gibt ein Bewusstsein dem eigenen Handeln gegenüber; ist es angemessen in einer bestimmten Situation?

Diese verschiedenen Fähigkeiten können als Linien gesehen werden, bei denen Entwicklung stattfindet. Durch eine Art Verdauung vorübergehender Zustände und Erfahrungen bilden sich diese Linien aus, man wächst innerlich. Daher sehe ich das Bewusstsein als Brücke zwischen Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung, zwischen Struktur und Prozess.

 

Folgende Bücher dienten meiner Recherche:

  • Combs, A.: Die Psychologie des menschlichen Bewusstsein, Phänomen-Verlag, Hamburg, 2011
  • Forman, M.D.: A Guide to Integral Psychotherapy: Complexity, Integration, and Spirituality in Practice, State University of New York Press, 2010
  • Ingersoll, R.E., Zeitler, D.M: Integral Psychotherapy: Inside out / outside in, State University of New York Press, 2010
  • Weinreich, W.M.: Integrale Psychotherapie, Araki, Leipzig, 2005

 

 

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